„I have a dream“ – 50 Jahre nach Kings Tod

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„I have a dream“ – 50 Jahre nach Kings Tod

Der amerikanische Baptisten-Pastor Martin Luther King hat die Welt verändert. Vor 50 Jahren wurde er ermordet. Andreas Malessa hat ein Musical über den gläubigen Bürgerrechtler geschrieben. Im Interview mit dem Christlichen Medienmagazin pro verrät der Autor, was die Menschen heute noch von Martin Luther King lernen können, warum der Baptismus weltweit gespalten ist und warum es wichtig ist, sich in Zeiten von Pegida und AfD mit dem US-Bürgerrechtler zu beschäftigen. Die Fragen stellte Norbert Schäfer.
pro: Warum ist die Beschäftigung mit Martin Luther King im 21. Jahrhundert immer noch wichtig?
Andreas Malessa: Erstens: Weil in unseren wirtschaftlichen Verteilungskämpfen und Abstiegsängsten manche Bürger ihre Regierungen bitten, sie mögen doch die Bevölkerung wieder nach Rasse, Religion, Herkunft, Bildungstand oder Leistungsfähigkeit sortieren und die einen bevorzugen und die anderen benachteiligen. Da hat bereits vor 60 Jahren Martin Luther King in den noch von der Apartheid geprägten USA gesagt: Das geht aus theologischen Gründen nicht. Ob Schwarze, Latinos, Frauen oder Wenigbegabte - alle sind ebenbildliche Geschöpfe Gottes und deswegen mit Menschenwürde und Menschenrechten ausgestattet. Dies gilt es auch heute - vom Evangelium her - in Sozialpolitik umzumünzen und konkret werden zu lassen. Wir haben inzwischen ja auch bei uns Politiker, die völlig berechtigte Ängste und Sorgen in Hass gegen andere transformieren und mit Hinweis auf ordnungspolitische Notwendigkeiten einen „verstehbaren“ oder „verzeihlichen“ Rassismus fördern.
Und zweitens?
Zweitens: Weil sein Traum – „I have a dream“ – gar nicht „sein“ Traum war, sondern Gottes Traum ist vom „Shalom“, vom Friedensreich. Am 28.8.63 in Washington zitierte King lauter biblische Bilder aus Jeremia, Jesaja, Amos und Micha. So ein Traum ist keine Illusion, sondern eine Utopie. Und Utopien sind Ideen, die es wert sind, verfolgt zu werden, auch wenn sie momentan noch keine physische Wirklichkeit sind: Die Utopie des 17. Jahrhunderts war Friede zwischen Katholiken und Protestanten. Die Utopie des 18. Jahrhunderts war die Abschaffung des monarchischen Feudalismus zugunsten rechtlicher Gleichheit aller Bürger. Die Utopie des 19. Jahrhunderts war die Abschaffung der Sklaverei. Die Utopie des 20. Jahrhunderts war Friede zwischen den Völkern Europas. Alle diese „Träume“ sind langfristig Wirklichkeit geworden. Deswegen halte ich die Beschäftigung mit dem „Traum“ eines Bürgerrechtskämpfers, Friedensnobelpreisträgers und Pastors wie Martin Luther King für hochaktuell.
Was können wir von Martin Luther King lernen, wenn es um die Überwindung von Rassismus oder Diskriminierung geht?
Gewaltlosigkeit. King hat nicht nur Unrecht benannt, sich empört und Wind gemacht, sondern er hat bereits im Dezember 1955 etwas getan, worüber wie heute wieder neu nachdenken: Ob wir nicht als Kunden einen Boykott veranstalten, der die Industrie und die Wirtschaftspolitik zwingt, humanere und gerechtere Arbeitsverhältnisse zu schaffen und Umweltstandards einzuhalten: King bat seine Gemeinde und alle Afroamerikaner in Montgomery (Alabama), nicht mit den öffentlichen Bussen zu fahren, solange die noch nach Rassen getrennt waren. Vorne konnten Weiße sitzen, hinten im Bus mussten Schwarze dicht gedrängt stehen. Vorne wurde das Ticket gelöst, dann musste der Fahrgast außen herum nach hinten und dort wieder einsteigen. Bei Regenwetter machten sich die Busfahrer einen Spaß daraus, die Türen nicht zu öffnen, sondern los zu brausen. Das junge Ehepaar King wohnte in Sichtweite einer Bushaltestelle und sah sowas täglich. Da hat sich der damals 26-jährige Pastor gesagt: Dann fahren wir halt nicht mehr Bus. Mal sehen, wie lange das die städtischen Verkehrsbetriebe aushalten. Nach 381 Tagen des Boykottes wurde die Trennung nach Rassen in den Bussen und den öffentlichen Gebäuden abgeschafft. Das war der Anfang vom Ende der Apartheid in den USA. Das hat King strikt gewaltlos durchgeführt.

Nach welcher Maxime hat King damals gehandelt?

Er hat sich selbst und seine Mitstreiter auf fünf Punkte verpflichtet: Erstens, jeden Tag über die Lehre und das Leben Jesu nachzudenken, zweitens, nie zu vergessen, dass wir Gerechtigkeit und Versöhnung wollen, nicht den Sieg. Drittens, im Geist der Liebe zu gehen, denn Gott ist Liebe, viertens, täglich darum zu beten, dass Gott dich benutzen möge um anderen zur Freiheit zu helfen und fünftens, auf Gewalt der Faust, der Zunge und des Herzens zu verzichten.
Am 5. Mai 1963 knieten die Demonstranten nieder und verharrten im stillen Gebet, sodass die Polizisten sich weigerten, mit Wasserwerfern gegen sie vorzugehen. Diese Befehlsverweigerung der Polizisten, der Ungehorsam in Uniform, gilt als das Wunder von Birmingham. Wenn ich lese, dass King auf die Gewalt der Zunge und des Herzens verzichtet hat und mir dann im Internet die Shitstorms ansehe, die – leider auch auf christlichen Portalen – gegen Andersglaubende und Andersdenkende abgefeuert werden, dann ist das sehr aktuell.

Was bedeutet Martin Luther King für den weltweiten Baptismus?

King hatte die vitale Herzensfrömmigkeit afroamerikanischer Freikirchler, die sich nun aber nicht in die fromme Beschaulichkeit der eigenen Gemeinde zurückziehen. Sehr empathische, mancherorts charismatische, Gottesdienste bei gleichzeitig hohem Sozialengagement wird von der Mehrheit der Baptisten praktiziert. Der Baptismus in den USA ist kirchenpolitisch leider gespalten in drei oder vier eher „nördliche“ Kirchenbünde und einen „südlichen“ Baptistenbund, der im Bürgerkrieg 1863 für die Beibehaltung der Sklaverei war und dies natürlich biblisch begründete.
Das ist lange her. Ist das nicht überwunden?
Diese Spaltung ist meines Erachtens nicht wirklich überwunden, sondern hat sich während der zwei Legislaturperioden von George W.Bush und erst recht durch die tragikomischen Ungeheuerlichkeiten von Donald Trump vertieft. Als sich zum Beispiel die „Baptist World Alliance“ 2003 mit überwältigender Mehrheit gegen den Irakkrieg aussprach, traten die südlichen Baptisten aus dem Weltbund aus. Baptistische Theologie hat sich immer bewegt zwischen zum Beispiel Jimmy Carter und Martin Luther King auf der einen Seite - einer alltagsrelevanten, für die Humanisierung der Gesellschaft engagierten Frömmigkeit - und zum Beispiel Franklin Graham auf der anderen Seite, einer ebenfalls hochengagierten, aber politisch ultrareaktionären Haltung. Er ist zwar Vorsitzender der Hilfsorganisation „Samaritans Purse“, unterstützt aber bis heute jenen Donald Trump, der die Empfänger solcher Hilfe „Scheißhaus-Länder“ nannte. Schade für das Erbe seines kürzlich verstorbenen, hochangesehenen Vaters Billy Graham.

In der Galerie der Märtyrer in Westminister Abbey steht Martin Luther King in einer Reihe mit Dietrich Bonhoeffer. Wie bewerten Sie das?

King gehört ganz sicher in die Liste christlicher Märtyrer, schon wegen seines gewaltsamen Todes am 4. April 1968. Auch hier wieder aktuelle Parallelen; Zu Kings Zeiten fuhr der Ku Klux Klan einfach langsam durch die Schwarzenviertel der Städte, um die Bewohner einzuschüchtern und ihnen zu drohen. Seit Januar 2015 „spazierten“ rund 150 Bürger in Tröglitz neun Sonntage lang um das Haus ihres Pfarrers und ehrenamtlichen Bürgermeisters Markus Nierth herum, weil der sich für Flüchtlinge engagiert hatte. Organisiert hatte das die NPD. Markus Nierth warf hin, aus verständlicher Angst. Die Nicht-Strafbarkeit solcher Drohmärsche ist für Pegida und AfD bis heute eine wichtige Entdeckung geworden. Da war King bereit, lieber an der Seite der Bedrohten zu sein. Er wurde zwanzig mal verhaftet, 13 mal gab es Anschläge auf sein Leben bis hin zum Bombenanschlag auf die Baptistengemeinde in Birmingham, bei dem vier Kinder ums Leben kamen. King war kein Heiliger und sollte auch nicht als solcher vergoldet werden. Aber King ist ein protestantischer Märtyrer des 20. Jahrhunderts und verdient jedes ehrende Gedenken.
Vielen Dank für das Gespräch!

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