Neuigkeiten vom Bund - Allgemeines

Gott kommt zu uns

Gott kommt zu uns

Gott zieht es nach unten. So berichtet es dieses alte Anbetungslied der ersten Christen, das der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi zitiert.

Den Schöpfer des Himmels und der Erde hält es nicht im Himmel, sondern ihn zieht es nach unten, auf die Erde. Er entäußert sich selbst. Er gibt seine göttliche Gestalt, einen Teil seines Wesens auf und begrenzt sich selbst. Er wird sichtbar, erkennbar und nahbar. Gott wird Mensch. Das macht Weihnachten in jedem Jahr so besonders und attraktiv. Sicher haben das heute längst nicht mehr alle Menschen bewusst im Blick, und sie feiern Weihnachten trotzdem. Doch das ist der eigentliche Grund dafür, dass wir Weihnachten feiern: das Wunder, dass es Gott nach unten zu seinen Menschen zieht und sie sehen, wer und wie er ist!

Wir Menschen haben in der Regel eher einen Zug nach oben und wollen gerne groß herauskommen. Wir wollen eher bedeutend sein, nicht klein und unbedeutend. Macht und Einfluss spielen eine wichtige Rolle. Und mancher Mächtige spielt sich auf, als wäre er Gott. Aber während wir Menschen versuchen, wie Gott zu sein, tut Gott seinerseits alles, um Mensch zu werden. Selbst, wenn es ihn den Himmel kostet. Er klammert sich nicht an das, was ihm zusteht, himmlische Macht und Herrschaft, sondern er entäußert sich selbst.

Und dann geht dieses alte Christuslied noch einen Schritt weiter. Nicht nur ein Mensch wurde er. Ein Knecht wurde er! In der englischen Bibel (NIV – New International Version) steht: „He made himself nothing.“ Er machte sich zu einem Nichts. Da taucht sofort nicht nur das Bild des ohnmächtigen Babys in der Krippe vor den Augen auf, das auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen ist, sondern auch das Bild des geschundenen und gekreuzigten Gottessohns. He made himself nothing. Gott geht ins Extreme, vom Anfang bis zum Ende. Er bückt sich tief, um ganz nah bei uns zu sein.

„Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“ (V. 5) Wenn es Gott so zu seinen Menschen nach unten zieht, dann sollen wir uns nicht mit Wohlanständigkeit und Rechtgläubigkeit zu ihm empor dienen. Wir sollen Gott dann nicht oben suchen, im Himmel, über den Sternen, dort, wo keiner hinkommen kann, sondern unten, in dem Kind in der Krippe und in dem Mann am Kreuz. Dort kann jeder hinkommen. Hirten und Könige. Arme und Reiche. Angesehene und Unangesehene. Auch jeder von uns. Wir sollen dann den Herrn aller Herren suchen bei denen, die hungrig sind. Bei denen, die nackt sind und nichts haben. Bei denen, die geschunden sind, krank und einsam. Bei denen, die Fremde sind. Bei denen, die ohne alles vor Krieg und Terror und Gewalt fliehen mussten und nun in unserer Gegend eine Herberge suchen. Bei den Mühseligen und Beladenen. Dort überall sollen wir den Herrn aller Herren suchen. Das sagt uns Weihnachten. Denn: He made himself nothing. Ein Knecht wurde er. Ein Mensch. Und deshalb ist er dort unter den Menschen und bei den Menschen zu finden, besonders bei denen, die ihn nötig brauchen.

Und es ist tragisch und kaum fassbar, dass es damals Menschen gab, die diese Menschenfreundlichkeit Gottes in Jesus Christus nicht sehen wollten oder konnten. Nicht allen gefiel, was Gott damals tat, als er in dem Kind in der Krippe in diese Welt kam. So hatte man sich das nicht gedacht: Gott bei den Mühseligen und Beladenen. Zuerst bei Maria und Josef, dann bei den Hirten und später bei den Armen und den Kranken und den Kaputten der damaligen Gesellschaft. Der, der von Gott erwartet wurde, der Messias, kam als einer, der sich gleich von seiner ungöttlichen Geburt an mit den Allergeringsten abgab. Das passte nicht ins Bild. Weder ins Bild der frommen Theologen noch ins Bild der weltlichen Obrigkeit. Deshalb hat der König Herodes ihm schon als Baby nach dem Leben getrachtet. Und später wurde er verraten, gefangen genommen und gefoltert. Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Dieses alte Anbetungslied zieht Weihnachten und Karfreitag in einem Satz zusammen: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“

Der Kreuzestod Jesu sollte von vorneherein zu seiner Entäußerung dazu gehören. Das Ziel seiner Menschwerdung hatte Jesus erst erreicht, als er, der Gerechte, der Liebe lebte und Freude schenkte, am Kreuz starb. Als das Urteil über ihn gesprochen und an ihm vollzogen wurde. Er erniedrigte sich selbst. He made himself nothing. Der eingeborene Sohn des Vaters starb wenige Jahre, nachdem es das erste Mal Weihnachten wurde, für das, was die Sünde einer ganzen Menschheit ist. Für Gottlosigkeit und Selbstbezogenheit der Menschen. Für böse Gedanken. Für jede Lieblosigkeit. Für die Gleichgültigkeit. Für die Sturheit und Unversöhnlichkeit. Für dich und mich. „Denn Gott ist durch Christus selbst in diese Welt gekommen und hat Frieden mit ihr geschlossen, indem er den Menschen ihre Sünden nicht länger anrechnet.“ (2. Kor. 5, 19 nach Hfa) So deutet der Apostel Paulus das Christusgeschehen etwa zur gleichen Zeit in einem Brief an eine andere Gemeinde in Korinth.

Das ist der Christus Gottes, der Friedefürst, das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz. Das ist der, den Gott vom Tod auferweckte und wieder zu Ehren brachte und dessen Tun er damit für alle Zeit und Ewigkeit bestätigte. Warum Gott vor gut 2000 Jahren diesen Weg ging oder nur gehen konnte, bleibt letztlich ein Geheimnis. Deshalb sind die Weihnachtszeit sowie die Passionszeit seit jeher Zeiten der Besinnung und Einkehr, um diesem Geheimnis begegnen und nachsinnen zu können. Dass wir etwas Anderes aus der Weihnachtszeit gemacht haben, ist ein anderes Thema. Aber das können wir ja ändern.

In diesem Lied werden zum Schluss die beiden Körperteile genannt, auf die es in der Weihnachtszeit und im Glauben generell ganz besonders ankommt: Knie und Zunge. Die Knie beugen vor dem herunter gekommenen Gott, der uns in Jesus begegnet und erkennbar wird, und ihn bezeugen vor den Menschen. Das wäre eine angemessene Antwort auf das Geheimnis der Weihnacht....

50 Jahre Martin-Luther-King-Haus

50 Jahre Martin-Luther-King-Haus

Das nach dem US-Bürgerrechtler und Baptistenpastor benannte Martin-Luther-King-Haus in Schmiedeberg im Erzgebirge ist 50 Jahre alt geworden. Das „King’s“, wie es kurz genannt wird, ist eine Einrichtung im Status der Bekenntnisgemeinschaft mit dem BEFG.

Das Jubiläum mit 200 Gästen wurde bereits im Frühjahr begangen, allerdings hatten die neuen Hauseltern, Andreas und Esther Kuhnert, vergessen, die Zeitschrift DIE GEMEINDE darüber zu informieren. Man habe das Jubiläum gefeiert, wie es der christliche Liedermacher Manfred Siebald in einem seiner bekannten Lieder formuliert habe: „Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise.“ Auch das Jubiläum habe man in aller Stille begangen.

Andreas Kuhnert erinnert sich in einem Gespräch mit der GEMEINDE an die Anfänge. In der Friedenskapelle der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Schmiedeberg habe man schon nach dem Zweiten Weltkrieg erste Rüstzeiten angeboten – in Schlafsälen mit Strohsäcken auf engsten Raum. Um auf die steigende Nachfrage reagieren zu können, hätten Gemeindemitglieder beschlossen, in unmittelbarer Nähe des Gemeindehauses ein Freizeithaus zu bauen. Das Baumaterial habe man durch den Abriss von sechs baufälligen Häusern gewonnen. Und so habe man den Bau allen Widrigkeiten in der DDR zum Trotz am 13. Dezember 1969 einweihen können. Die Gründerväter hätten das Haus bewusst nach Martin Luther King benannt, der ein Jahr zuvor in Memphis erschossen worden war. „Die Verantwortlichen damals wollten seinen Namen in Erinnerung behalten“, weiß Kuhnert.

Dass man für den Bau überhaupt eine Baugenehmigung erhalten habe, sei bis heute ein Wunder, so Kuhnert. Denn das Grundstück lag eigentlich viel zu nah an der Weißeritztalbahn, der dienstältesten bis heute öffentlich betriebene Schmalspurbahn Deutschlands. Die Strecke führt seit 1882 von Freital-Hainsberg bei Dresden bis nach Kipsdorf im Osterzgebirge. Die politisch Verantwortlichen seien jedoch davon ausgegangen, dass diese Bahnstrecke ein absehbares Ende haben werde. Kuhnert freut sich: „Das Martin-Luther-King-Haus steht – und die Bahn fährt auch noch.” Viele Gäste seien von der Bahn begeistert und nutzten die Fahrten mit dem Dampfzug. Schon die damalige Baustelle sei ein Ort der Begegnung gewesen. „Helfer aus dem In- und Ausland kamen und brachten sich ein.“

Nach Fertigstellung traf man sich zu Kinder-, Jugend-, Gemeinde- und Familienfreizeiten. 2006 konnte ein weiteres Haus eingeweiht werden – mit zwölf barrierefreien Zimmern und einem hellen Saal mit 150 Sitzplätzen. Insgesamt verfüge das Haus heute über 45 Zimmer mit bis zu 124 Betten. Zur Verfügung stehen vier Gruppenräume, ein Raum der Stille, ein Tischtennis-Raum, ein Clubraum, eine Kaffeestube mit Gästeküche und eine Sauna. Der Tagessatz inklusive Vollpension für Erwachsene im Doppelzimmer beträgt 49 Euro. Mit der Gästeentwicklung ist Kuhnert zufrieden. In den letzten Jahren habe es 8.500 Übernachtungen pro Jahr gegeben, in diesem Jahr werde man rund 12.000 erreichen. ...

Baptismus und Sozialismus

Baptismus und Sozialismus

Der Studientag „Baptismus und Sozialismus“ des Historischen Beirats beschäftigte sich am 30. November mit dem Verhältnis der Baptisten zum Sozialismus und Kommunismus in den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts.

Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen Marxisten und freikirchlichen Christen? Wie viel Sozialismus steckte im DDR-Bund? Und was bedeutete dies für die Beziehungen zum westdeutschen Bund in der eher antikommunistisch orientierten Bundesrepublik? Und schließlich: Wie haben sich Baptisten 1989/90 zum Ende des Staatssozialismus verhalten, und wie weit sind Gemeinden im Osten bis heute geprägt durch die sozialistische Vergangenheit? Das waren die Fragen, die auf dem Studientag 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution und 50 Jahre nach Gründung des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) in der DDR gestellt wurden. Die Tagung wurde vom Historischen Beirat des BEFG sowie vom Verein „Evangelisch-Freikirchliche Zeitgeschichte“ veranstaltet und fand in der EFG Berlin-Friedrichshain statt, in dem einzigen Gebäude der Baptisten in der DDR, das vor allem mit Geldern aus der BRD und des Weltbundes gebaut werden konnte.

Dr. Simone Thiede, Religionswissenschaftlerin aus Hamburg, und die Leiter des Historischen Beirats, Dr. Andreas Liese und Reinhard Assmann, untersuchten, wie die deutschen Baptisten sich mit den Sozialisten auseinander gesetzt haben. Während sich Baptisten besonders in den englischsprachigen Ländern in verschiedenen Fragen bewusst politisch engagierten und das als diakonische Aufgabe ansahen, war das Ideal der deutschen Baptisten eher sich aus der Politik herauszuhalten. Diakonie wurde als Einzelfallhilfe verstanden, nicht als politische Aufgabe. Trotzdem gab es immer wieder Personen wie Carl August Flügge, der feststellte, dass Sozialisten und Baptisten Interesse haben, die soziale Notlage der Arbeiter zu lindern. Beide Gruppen gehörten für Reichskanzler Bismarck zu den Reichsfeinden, fremdelten aber miteinander, weil Baptisten den atheistischen Sozialismus nicht akzeptieren konnten und religiöse Sozialisten Mühe hatten, verstanden zu werden. In der entstehenden DDR kannten sich manche Kommunisten und Kirchenleute aus ihrer Zeit in den Konzentrationslagern und mussten ein neues Miteinander im Alltag finden. Das war je nach politischer Großwetterlage und persönlichem Standort zu manchen Zeiten schwierig und herausfordernd. Der Kalte Krieg forderte die Beschäftigung mit dem Sozialismus und Marxismus heraus. In einem Interview mit Diethard Dahm wurde dabei deutlich, dass die Antworten und Konsequenzen für Baptisten in der DDR und für die Studentenbewegung der 68er in der Bundesrepublik sehr unterschiedlich waren. Beeindruckend waren in diesem Zusammenhang auch die Zeitzeugenberichte von Prof. Dr. Carl-Jürgen Kaltenborn, Ingrid Ebert und Uwe Dammann.

Die rund 70 Teilnehmenden waren überwiegend Menschen mit DDR-Erfahrung. Deutlich wurde dabei, dass Gespräche mit Zeitzeugen notwendig sind. Es gibt zum Beispiel nur wenig Quellen aus baptistischen Gemeinden darüber, wie Einzelne oder Gemeinden sich an der Friedlichen Revolution beteiligt haben. Könnte der Historische Beirat des BEFG zum Beispiel regelmäßig zu Erzähl-Tagen einladen? Vielleicht wird es über diesen Weg auch möglich, Verletzungen und Missverständnisse zwischen Ost und West aufzuarbeiten sowie politische und ethische Verantwortung neu zu reflektieren....

TischGemeinschaft mit Gott

TischGemeinschaft mit Gott

„Gott ist einer von uns geworden, kam als Mensch zu uns Menschen auf die Erde. Er will Gemeinschaft mit uns haben, lädt uns ein an seinen Tisch. Diese Einladung geben wir weiter“, so Generalsekretär Christoph Stiba. Der BEFG bittet zu Weihnachten um Spenden zur Förderung der Mission in Deutschland.
„Ist an unseren weihnachtlichen Festtagstafeln eigentlich auch Platz für Menschen, die nicht zu unserer Familie gehören? Wer ist willkommen? Mit wem wollen wir Gemeinschaft haben?“, fragt Christoph Stiba. Jesus habe schließlich auch Tischgemeinschaft mit jenen Menschen gesucht, die geächtet und gemieden wurden: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“ (Markus 2,17). „Jesu Beispiel wollen wir in unserer Bundesgemeinschaft folgen.“
Der Dienstbereich Mission unterstützt Gemeinden dabei, auf die Menschen ihrer Umgebung zuzugehen. Das neue Konzept TischGemeinschaft beispielsweise animiert dazu, fremde Menschen wie auch Freunde und Bekannte zu Tisch zu bitten: zu einem Dinner mit evangelistischer Verkündigung in den Gemeinderäumen und zu einem Brunch-Gottesdienst. Eingeladen wird auch in der Fußgängerzone – mit einem großflächigen Bild von Leonardo da Vincis Abendmahl und einem Tisch, der jeden Passanten dazu einlädt, sich dazuzusetzen: um zu verweilen und um ins Gespräch zu kommen.
Die EFG Kamp-Lintfort hat die drei Evangelisationstage durchgeführt, wie Pastor Marcus Bastek berichtet: „Wir hatten Menschen da, die sich nur kurz interessiert zeigten, und Menschen, die anderthalb Stunden vor dem Transparent von TischGemeinschaft saßen und tiefgreifende seelsorgerliche Gespräche geführt haben.“ Eine Begegnung ist ihm dabei besonders in Erinnerung geblieben: „Eine Frau hat sich lange mit uns unterhalten. Und wir haben für sie gebetet. Das war völlig unnormal für sie. An diesem Abend ist sie wirklich berührt worden, was auch ich sehr berührend fand. Das nehme ich mit als Motivation.“
Christoph Stiba lädt in der Spendenbitte des BEFG dazu ein, die vielfältige Arbeit des Dienstbereichs Mission mit einer Weihnachtsspende zu unterstützen: „An Gottes Tafel ist für jeden einzelnen von uns ein Ehrenplatz reserviert. Gemeinsam wollen wir unsere Mitmenschen dazu ermutigen, dieser Einladung zu folgen und Platz zu nehmen.“
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Frischer Wind in den Mühlen

Frischer Wind in den Mühlen

„Wo der Wind des Wandels weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern“ – so sagt es ein chinesisches Sprichwort. Frischen Wind für die Zukunft wünscht sich auch der Landesverband Baden-Württemberg, wie Renate Girlich-Bubeck und Annette Tesch vom Landesverband berichten.

Auch wenn die Windmühlen eher in den nördlichen Bereich der Republik passen, hat sich der Landesverband Baden-Württemberg entschieden, „Windmühlen“ für die Struktur und die Leitung des Landesverbandes zu bauen. Wie in vielen Landesverbänden so hat sich auch in Baden-Württemberg manches geändert. Die Gründe dafür sind vielfältig. Beim letzten Rat stellte sich die Frage, wie die Arbeit konkret weitergehen und was „die Mühlen“ antreiben soll. Schnell war man sich einig, dass diese Frage nach unserem Verständnis nicht nur von der Leitung, sondern von den Gemeinden bedacht werden soll. Eine „Zukunftswerkstatt“ wurde vorgeschlagen.

Der Einladung waren 33 interessierte Engagierte aus 15 Gemeinden des Ländles gefolgt. Gemeinsam mit der Leitung des Landesverbandes wurde über dessen Zukunft nachgedacht und diskutiert. In kontroversen Unterhaltungen und persönlichen Berichten wurde ein breites Bild der aktuellen Situation gezeichnet. Der Landesverband ist durch seine Angebote vielfältig erlebbar und wird doch in seiner Funktion von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich wahrgenommen. Im intensiven Austausch wurden Erwartungen und Wünsche der Gemeinden an die Arbeit des Landesverbandes zusammengetragen. Vernetzen – austauschen – beraten, das sind und bleiben zentrale Aufgaben! Aber welche Strukturveränderungen sind nötig, um in dieser Weise handlungsfähig zu sein? Diese Frage wird uns im zweiten Teil der Zukunftswerkstatt am 8. Februar 2020 beschäftigen. Dazu sind erneut alle Interessierten eingeladen! Rückmeldungen aus Gemeinden, Resultate der ersten Zukunftswerkstatt, Ergebnisse des Thinktanks des Bundes und die Auswertung der Gemeindeberichte für das Berichtsheft werden Grundlage für weitere Überlegungen sein, um den erforderlichen Wind für die Mühlen nicht zu hindern, sondern ihm Freiraum zu geben. Viele Menschen in Baden-Württemberg beten um Weisheit und gute Entscheidungen, und so haben wir Mut und Zuversicht für den weiteren Weg!...

Kleiner Gemeindebund, großer gesellschaftlicher Einfluss

Kleiner Gemeindebund, großer gesellschaftlicher Einfluss

Mitte November besuchte eine Delegation des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) den ungarischen Baptistenbund. Eine Reportage von Dr. Michael Gruber.
Montagvormittag, Bibelkundeunterricht am Baptistischen Gymnasium im Budapester Stadtteil Országút. Heute geht es um Dankbarkeit. Schulpastor Krisztián Tóth fragt die vier Schülerinnen und zehn Schüler der neunten Klasse, wofür sie dankbar sind. Mit seiner ruhigen und zugewandten Art geht der Mittdreißiger auf alle ein, sorgt dafür, dass neben den besonders Mitteilsamen auch alle ruhigen Schüler zu Wort kommen. So wie das Mädchen in der ersten Reihe, das eine starke geistige Behinderung hat. Fast alle hier haben eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung. Der Pastor schreibt ihre Antworten auf das Smartboard, die elektronische Tafel, erarbeitet mit den Jugendlichen Kategorien von Dingen, für die man dankbar sein kann, bringt dies in Bezug zu Glaubensfragen. Dann singt die Klasse gemeinsam christliche Lieder, begleitet vom Schulpastor auf der Gitarre.
Rektorin Gabriella Kékesné Czinder hat den Gästen aus Deutschland zuvor ein Video über die Schularbeit gezeigt. In einer Szene sieht man Schüler im Anzug und Schülerinnen im Abendkleid beim gemeinsamen Tanz. Eines der Mädchen sitzt im Rollstuhl. Der Ball, so berichtet Kékesné Czinder, ist eine alte ungarische Tradition. Doch nur an ihrer Schule können auch gehbehinderte Jugendliche daran teilnehmen. Insgesamt hat die Schule 220 Schüler. 60 von ihnen sind gehbehindert, 40 Autisten, 50 haben andere Behinderungen. Das inklusive Konzept ist für Ungarn außergewöhnlich, wie uns die Rektorin erläutert. Weil es im Land nicht ausreichend Schulplätze für Kinder mit Behinderungen gibt, müssen manche von ihnen zu Hause bleiben – trotz Schulpflicht. Die Schule in Országút möchte ihren Absolventinnen und Absolventen eine Beteiligung am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.###3_IMAGES###Es gibt in Ungarn 50 baptistische Schulen mit etwa 17.000 Schülern. Rund zehn davon wurden von Baptistengemeinden mit eigenen Mitteln gegründet, die anderen hat der Baptistenbund vom Staat übernommen, der für die Finanzierung sorgt. Die meisten Schulen konzentrieren sich auf bestimmte Talente der Schülerinnen und Schüler und sind auch bei nicht-baptistischen Eltern beliebt, beispielsweise drei Sportgymnasien oder viele Berufsschulen. Es gibt eigene baptistische Schulbücher, die auch in anderen kirchlichen Schulen gerne genutzt werden.
Der Vormittag hat zwei Dinge eindrücklich gezeigt, die für die Arbeit der ungarischen Baptisten typisch sind. Der kleine Bund wirkt an vielen Stellen in die Gesellschaft hinein. Und er hat dabei sein „wichtigstes Ziel, Mission, stets im Blick“, wie Generalsekretär Kornél Mészáros uns am Nachmittag berichtet.
Wie missionarisch und diakonisch der Baptistenbund und seine Gemeinden sind, erleben wir bereits bei unseren Gottesdienstbesuchen tags zuvor. Prof. Michael Kißkalt, der Rektor der Theologischen Hochschule Elstal, predigt an diesem Sonntag in einer Gehörlosengemeinde am Stadtrand von Budapest. Seit zehn Jahren betreibt der Bund seine „Spezialmission“ für Gehörlose, bietet für sie Gottesdienste, Freizeiten und Jugendarbeit an. Mit dem ungarischen Bibelinstitut arbeiten die Baptisten an einer Bibelübersetzung in Gebärdensprache, für Blinde entwickeln sie christliches Audio-Material.###3_IMAGES###BEFG-Präsidiumsmitglied Frank Fornaçon und ich sind zu Gast in der noch recht jungen Gemeinde in Vecsés, die sich im örtlichen Kulturzentrum trifft. In dem Raum im ersten Stock, der mit zwei verspiegelten Wänden zunächst viel größer wirkt als er ist, spielt eine Band mit Gitarre, Keyboard und Cajón auf Ungarisch mit einem treibenden Beat bekannte Songs à la Hillsong. Eine Frau erzählt im Zeugnisteil, wie im Nähkurs Frauen zum Glauben gefunden haben und wegen der guten Gespräche immer wieder kommen, obwohl sie eigentlich viel besser nähen können als die Gemeindefrauen, die den Kurs anbieten. Ein Student berichtet von seiner Arbeit unter Kommilitonen. Und Pastor Lajos Téglási bittet um Gebet für seine Missionsreise nach Pakistan. Wir erfahren auch, dass die Gemeinde Spenden sammelt, um einen ehemaligen Nachtclub als Gemeindehaus zu kaufen. Und Gemeindeleitungsmitglied Ádám Hegedűs zeigt uns Bilder von einem Freizeitangebot, durch das Kinder biblische Geschichten wie die von Daniel in der Löwengrube mit allen Sinnen und viel Spaß erfahren können – missionarische Erlebnispädagogik.###3_IMAGES###BEFG-Generalsekretär Christoph Stiba und Präsidiumsmitglied Dorothee Oesemann besuchen einen Festgottesdienst in der Ersten Baptistengemeinde zu Budapest, der von einem professionellen Orchester gestaltet wird. Die Musiker dürfen in den Gemeinderäumen kostenlos proben, müssen dafür aber einmal im Jahr im Gottesdienst spielen, wo sie – auch hier der missionarische Impuls – mit dem Glauben in Berührung kommen.
Die schiere Fülle baptistischer Angebote beeindruckt uns auch am Montagnachmittag. Zusammen mit Dr. Ákos Bukovszky, dem Leiter für auswärtige Angelegenheiten des Baptistenbundes, der die ganze Zeit dabei ist und alle Gespräche übersetzt, fahren wir von der integrativen Schule aus in den schicken VI. Bezirk. Hier, nah am Budapester Zentrum und um die Ecke vom imposanten Hősök tere, dem Heldenplatz, reihen sich größtenteils sanierte Gründerzeitbauten aneinander. Zwischen Wohngebäuden und Botschaften: die Theologische Akademie der Baptisten. Studiendirektor Dr. Gedeon Urbán erzählt uns, dass von den 500 Studenten und Studentinnen gerade mal 25 Männer in der Pastorenausbildung für den Bund sind. Andere Theologiestudenten wollen beispielsweise Pfarrer in der Lutherischen Kirche werden, auch katholische Studenten sind dabei. Priester freilich können sie mit einem Abschluss hier nicht werden. Doch insgesamt sind in der Studierendenschaft zehn Konfessionen vertreten. Die Akademie bildet auch Gemeindekantoren sowie Seelsorger für den sozialen Bereich aus.###3_IMAGES###Danach treffen wir direkt nebenan in der Zentrale des Bundes die Leitung der ungarischen Baptisten. Im hellen Konferenzraum im Obergeschoss steht ein riesiger Besprechungstisch aus dunklem Holz, an allen Wänden hängen großformatige golden umrahmte Ölgemälde ehemaliger Präsidenten. Darunter in Schaukästen baptistische Devotionalien wie Schwarzweiß-Fotografien früherer Bundesleitungen oder die Schreibmaschine des früheren Mönchs und 1922 zum baptistischen Glauben konvertierten Schriftstellers und Dichters Dr. Imri Somogyi. Im Gespräch erfahren wir mehr über die Arbeit. Der Bund möchte 100 Gemeinden in 20 Jahren gründen. Baptisten geben auch Religionsunterricht an 300 nicht-baptistischen Schulen. Es gibt 100 soziale Einrichtungen, etwa in der Kinderpflege oder der Behandlung Suchtkranker. Und der Bund tut viel, um die Gruppe der Roma mit dem Evangelium zu erreichen.
Wie kann der kleine Bund mit seinen 12.000 Mitgliedern all dies stemmen? Präsident János Papp berichtet uns zunächst über eine Besonderheit in der ungarischen Steuergesetzgebung. Wer steuerpflichtig ist, kann 1 Prozent an eine Kirche zahlen und darf frei entscheiden, an welche. 35.000 Menschen und somit weit mehr als die steuerpflichtigen Mitglieder geben ihr Prozent an die Baptisten! Dafür wirbt der Bund auch mit einer Kampagne, die er zudem als „Evangelisationsmöglichkeit“ versteht. Darüber hinaus gibt der Staat viele seiner Aufgaben an verschiedene Kirchen ab und bezahlt diese dafür. Nur dadurch ist die umfassende Schul- und Hochschularbeit der Baptisten möglich. Und auch sonst zeigt sich der Staat großzügig, um die Arbeit der Kirchen zu ermöglichen. So hat der Baptistenbund kürzlich ein mehrstöckiges Gebäude gegenüber seiner Zentrale geschenkt bekommen. Dieses ist zwar renovierungsbedürftig, aber die Hälfte der Kosten für die Sanierung übernimmt: der Staat.###3_IMAGES###Das mehrstündige Gespräch mit der Leitung und unsere Treffen geben uns tiefe Einblicke in die Arbeit. Dass der ungarische Bund vom Staat profitiert, scheint mit einer positiven Haltung der Baptisten der Regierung gegenüber einherzugehen. Das wirkt auf uns, die deutsche Delegation, angesichts der offen fremdenfeindlichen Haltung der Orbán-Regierung erst einmal suspekt. Und in unseren Gesprächen wird auch deutlich, dass wir gerade beim Thema Flüchtlinge an vielen Stellen unterschiedliche Ansichten haben. Und doch tragen die Gespräche zu einem gegenseitigen Verständnis bei. Wir erfahren, dass die ungarische Geschichte im Vergleich zur deutschen zu einer anderen Prägung geführt hat. Während Migration zur deutschen Nachkriegsgeschichte dazugehört, gab es in Ungarn keine ähnlichen Entwicklungen. Stattdessen spielen die Eroberungen durch das Osmanische Reich Mitte des 16. Jahrhunderts und die dann 145 Jahre andauernde türkische Besetzung im kollektiven Geschichtsbewusstsein der Ungarn anscheinend noch eine große Rolle. In jedem Fall weiten die Gespräche den Blick, helfen, die eigene Position nicht absolut zu setzen. Während sich beispielsweise viele deutsche Baptistengemeinden stark für Geflüchtete einsetzen, sind ungarische Baptisten für die Minderheit der Roma aktiv. Und immer wieder stoßen wir in diesen Tagen auch auf offene Ohren, wenn wir von der Gemeindearbeit mit Migranten berichten.
Und so fasst der ungarische Baptistenpräsident János Papp es am Ende so zusammen: „Etliche Fragen verstehen wir natürlich anders, aber wir treffen uns in Brot und Kelch. Und ist es uns ein Anliegen, die Zusammenarbeit mit euch Deutschen enger zu gestalten.“ Gemeinsam etwas zu bewirken, das sei das Ziel, wie auch Christoph Stiba unterstreicht, nachdem er ein Abendmahlsgeschirr als Gastgeschenk überreicht hat: „Wir brauchen den Dialog zwischen Ost und West, zwischen verschiedenen Einstellungen, damit das Evangelium vorangebracht wird.“...